Stufenprofil 1. Stufe

1. Die Kinder im Erststufenalter

Wer sind sie?

Die Kinder zwischen 8 und 11 Jahren wollen Entdeckungen und Erfahrungen machen. Sie sind vertrauensvoll und begeisterungsfähig und handeln meistens nach Gefühlen und aus dem Bauch heraus. In diesem Alter haben die Kinder eine überbordende Phantasie: Sie leben Geschichten und Situationen nach, die sie gelesen, gesehen oder erfunden haben, und gehen dabei bis zur Übertreibung. Sie identifizieren sich gerne mit den Personen, Helden und Beteiligten ihrer Geschichten. Nach und nach werden die Kinder mehr realitätsbezogen und wollen den Dingen auf den Grund gehen.
Sie haben eine sehr spontane Sprache und ein ebensolches Verhalten und drücken gerne aus, was sie fühlen. Das passiert in einer direkten und manchmal auch unkontrollierten Art und Weise. Sie gehen leicht auf Ältere zu, selbst auf Erwachsene, deren Gesellschaft sie suchen.

Was wollen sie?

Die Kinder haben das Bedürfnis:

nach Sicherheit und Schutz.
Entdeckungen und Erfahrungen zu machen und die Phantasie auszuleben.
sich zu bewegen und auszutoben.
in einer Gruppe zu sein und ihren Platz darin zu haben.
nach Vorbildern und Regeln.
zu spielen.

2. Die Ziele

Um den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich ihren Eigenschaften und Bedürfnissen gemäss harmonisch zu entwickeln, setzt sich die 1. Stufe folgende Ziele:

Die Beziehung zur Persönlichkeit:selbstbewusst und selbstkritisch sein. Die Kinder entwickeln die Fähigkeit,

ihre eigene Meinung auszusprechen und anderen zuzuhören.
kritisch zu sein und auswählen zu können.
selbständig zu sein.
auch etwas, das ihnen nicht gefällt, annehmen zu können, ohne dabei die gute Laune zu verlieren.
ihre eigenen Schwächen zu erkennen.

Die Beziehung zu den Mitmenschen anderen frei begegnen und sie respektieren. Die Kinder werden unterstützt:

einen Platz in der Gruppe zu finden und ihren Teil zum Gruppenleben beizutragen.
zu wissen, dass die anderen Kinder eigene Fähigkeiten haben und diese zu achten.
auf die Rechte und Bedürfnisse der anderen Rücksicht zu nehmen.
in der Gruppe kameradschaftlich zu denken und zu handeln.
Regeln anzunehmen und zu beachten.
das Teilen als selbstverständlich zu verstehen.

Die Beziehung zur Welt:kreativ sein und umweltbewusst handeln. In einem geschützten Rahmen wird den Kindern ermöglicht:

in eine Rolle zu schlüpfen.
sich in ihrem Quartier, in ihrem Dorf, in ihrer Stadt und in ihrer Region auszukennen.
sich in der Natur wohl zu fühlen, sie zu achten und sie zu schützen.
verschiedene Techniken, wie etwas getan werden kann, auszuprobieren und anzuwenden.
ihre Kreativität auszuleben.
zu lernen, für ihre eigenen Sachen und diejenigen der anderen Sorge zu tragen.

Die Beziehung zum Körpersich annehmen und sich ausdrücken. Durch möglichst verschiedene Aktivitäten können die Kinder:

ihren Körper kennen lernen und sich mit ihm und allen fünf Sinnen ausdrücken.
lernen, ihren Körper gesund zu halten und ihn zu pflegen.
ihren Körper bei sportlichen und handwerklichen Betätigungen richtig einsetzen.
sich austoben und ihre körperlichen Grenzen erfahren.

Die Beziehung zu Gott, spirituelle Beziehungoffen sein und nachdenken. Die Kinder werden dazu geführt:

die Schönheiten des Lebens schätzen zu lernen und staunen zu können.
Freude zu haben und weiterzugeben.
sich über die Geheimnisse und Probleme des Lebens Gedanken zu machen.
den eigenen Glauben zu erleben.
ruhige Momente zu geniessen.
Traditionen zu leben.

3. Die Methoden

Den Kindern wird eine ganzheitliche Entwicklung ermöglicht. Um dieses Ziel zu erreichen, werden verschiedene Methoden eingesetzt, die alle in Zusammenhang mit den, unter «Die Ziele» genannten, fünf Beziehungen stehen.

Symbolik und Rahmengeschichte

Die Kinder haben Bedürfnisse nach Traumwelt, Phantasie und Identifikation. Aus diesem Grund wird in der 1. Stufe mit einer ausgeprägten Symbolik gearbeitet, welche sich als roter Faden durch das Programm zieht und damit den verschiedenen Aktivitäten einen umfassenden Rahmen gibt. Zwei verschiedene Symbolsysteme – die Bienligeschichte und das Dschungelbuch von R. Kipling (Wölfe) – stehen zur Verfügung und bieten den Rahmen für vielfältigen Aktivitäten. Sie werden sowohl von reinen Mädchen- resp. Bubeneinheiten, als auch von gemischten Einheiten als Grundlage verwendet. Die Symbolik soll aber keinesfalls so verstanden werden, dass nur Bienli und Wölfe unsere Rahmengeschichten bereichern sollen. Auch andere Themen können – über kürzere oder längere Zeit – Grundlage für unsere Aktivitäten (Übungen, Quartalsprogramme, Weekends, Lager) sein. Im Vordergrund steht aber auf jeden Fall, dass die Aktivitäten durch ein Thema bzw. eine Rahmengeschichte unterstützt werden.
Diese Geschichten, mit all ihren Regeln und Anregungen, bilden den Roten Faden, der den Kindern die Möglichkeit gibt, sich zu orientieren. Die Kinder leben nach den Beispielen der Figuren in den Geschichten und erfahren auf diesem Weg, wie sie ihre kreativen und physischen Fähigkeiten entwikkeln können, und was es bedeutet, in einer Gruppe zu leben, deren Regeln zu akzeptieren und sich in derselben wohl zu fühlen.
Die «Symbolik» und die «Rahmengeschichte» sind zwei spezielle Elemente, welche die 1. Stufe auszeichnen und in sämtliche Methoden einfliessen.
Die Personen des Dschungelbuchs entdecken.

Spielen

In der 1. Stufe ist das Spiel das wichtigste Erfahrungsfeld. Im Spiel können die Kinder Alltagssituationen nachvollziehen und verarbeiten. Durch spielerisches Experimentieren gelingt es den Kindern, die verschiedensten Zusammenhänge zu erkennen. Im Spiel äussert sich die bei Kindern in diesem Alter typische Phantasiewelt. Dazu genügen ihnen oft ganz einfache Materialien. Im Spiel können sich die Kinder vergessen. Sie erleben dadurch eine innere Befreiung, die es ihnen ermöglicht, ihre ganze Persönlichkeit zu erfahren und unvorhergesehene Situationen zu meistern. Natürlich lernen sie auch zu verlieren.

Leben in der Gruppe

In der 1. Stufe findet das Leben vorwiegend in Grossgruppen statt. Bei den reinen Mädcheneinheiten sind es Völker, bei den reinen Knabeneinheiten und einem grossen Teil der gemischten Einheiten Meuten. Die Völker/ Meuten bieten den Bienli/Wölfen Gelegenheit, in der Geborgenheit der Gemeinschaft zu leben. Im Unterschied zur 2. Stufe, nehmen bei der 1. Stufe die Kleingruppen eine geringere Bedeutung ein. Ein Volk wird in ca. 2 bis 4 Waben eingeteilt; bei den Wölfen heissen diese Kleingruppen Rudel. Die Kleingruppen sind vorwiegend organisatorische Hilfsmittel und dienen den erfahrenen Bienli und Wölfen zur Übernahme von Verantwortung.
In der Gruppe lernen die Kinder, eigeninitiativ zu sein. Sie werden darauf vorbereitet, sich in anderen und grösseren Gemeinschaften sicher zu bewegen und selbstbewusst zu handeln.
Das Leben in der Gruppe nimmt während Lagern oder Weekends einen speziellen Stellenwert an. Für die 1. Stufe sind vor allem Hauslager geeignet. Das Lager stellt für Bienli und Wölfe sicher einen Höhepunkt dar. Einmal weg von zu Hause sein, mit Kameradinnen und Kameraden Abenteuer erleben, sich über längere Zeit in ein Thema vertiefen, sind einige Besonderheiten von Lagern und Weekends. Für viele Kinder bedeutet die Teilnahme auch gleichzeitig zum ersten Mal für längere Zeit weg von der Familie zu sein.
Ein Lager ermöglicht der Gruppe durch gemeinsam Erlebtes sich gegenseitig besser kennen zu lernen und neue Freundschaften zu knüpfen. Die Kinder tragen zum guten Gelingen des Lagers bei.

Persönlicher Fortschritt

In der 1. Stufe beginnt das Bienli/der Wolf seinen Pfadi-Weg zum ganzheitlichen Menschen. Die Aufgabe des Leitungsteams ist es, jedes einzelne Bienli und jeden Wolf auf diesem Weg zu begleiten, um es oder ihn zu einer gewissen Selbständigkeit zu führen. Dieser Weg, den jedes Kind in der Pfadi mitmacht, wird Persönlicher Fortschritt genannt. Flüg us und Gueti Jagd sind Mittel, die sich mit dem dem Persönlichen Fortschritt auseinandersetzen und ihn sichtbar machen. Bei den Bienli spricht man vom «Flug» mit den Etappen Jungbienli, Erst- und Zweisternbienli, während bei den Wölfen der Persönliche Fortschritt «Spur» genannt wird und in die Etappen Jung-, Stern- und Zweisternwolf aufgeteilt wird. Das Leiter/innen-Handbuch «Mis Bescht» ist das Hilfsmittel für das Leitungsteam. Es erläutert wie der Persönliche Fortschritt auf der 1. Stufe praktisch umgesetzt werden kann. Diese Hilfsmittel ermöglichen es dem Leitungsteam, das Bienli oder den Wolf zu begleiten und seinen Persönlichen Fortschritt innerhalb der fünf Beziehungen zu beobachten und zu dokumentieren.

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Mitbestimmen und Verantwortung tragen

Im kleinen Rahmen ist es möglich, die Kinder auch schon in der 1. Stufe in Entscheidungen einzubeziehen und ihnen Verantwortung zu übergeben. Denn bereits dem Bienli und dem Wolf können Aufgaben übertragen werden, die sie für die Gemeinschaft ausführen. Solche kleinere Aufgaben sind zum Beispiel unter dem Namen «Ämtli» bekannt. Das Kind lernt damit, Verantwortung für eine Aufgabe zu übernehmen und so in einem kleinen, seinem Alter angepassten Rahmen, mitzubestimmen. Diese Erfahrung verhilft ihnen zur Übernahme immer grösserer Verantwortung und erweitert ihre Einflussmöglichkeiten. Als Leitwolf/Leitbienli übernehmen die Kinder innerhalb der Gruppe Aufgaben, womit sie jüngeren Bienli/Wölfen helfen, auf ihrem Weg einen Schritt vorwärts zu kommen.
Das Durchführen des Erststufenprojektes «Abenteuer» ist eine Möglichkeit, um den Kindern Mitbestimmung und Verantwortung zu geben. Beim Abenteuer beteiligen sich die Kinder an der Themenwahl und tragen aktiv zu den Vorbereitungen bei. Das Abenteuer gliedert sich in die 5 Phasen: Sammeln von Ideen, Wahl eines Abenteuers, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung. Ein Abenteuer erstreckt sich in der Regel über mehrere Übungen, da ja auch die Vorbereitungen mit den Kindern getätigt werden.

Gesetz und Versprechen

Gesetz

Mir wänd zunenand luege, enand hälfe und vonenand leere.
Mir wänd Sorg hebe zur Natur und zur Umwält.
Mir wänd mit Auge, Nase, Oore, Muul und Händ Nöis entdecke.

Im Gesetz werden Spielregeln für das Leben bei den Bienli/Wölfen formuliert. Bienli und Wölfe lernen, dass Regeln einen Sinn haben und das Zusammenleben in einer Gemeinschaft erst ermöglichen. Sie erfahren, dass sie sich an die Regeln halten müssen. Mit dem Versprechen drücken die Kinder aus, dass sie ihr Bestes (Wahlspruch) geben und die Spielregeln (Gesetz) einhalten wollen.

Die Worte des Gesetzes bedeuten dem Kind erst etwas, wenn es den Inhalt immer wieder erlebt. Wichtig ist das Vorbild, das Leiter und Leiterin geben. Versprechen: Ich wott bi de Wölf/Bienli mitmache. Ich gib mir Müe, mis Beschte z tue und mich a öises Gsetz z halte. Das Kind bringt mit dem Versprechen zum Ausdruck, dass es dazugehören will. Das Versprechen soll dem Kind helfen, auch unter der Woche ein Bienli/Wolf zu sein und so zu handeln.
Details

Wahlspruch:
Mis Bescht

Der Wahlspruch bedeutet, dass die Kinder ihr Bestes geben wollen, um nach Gesetz und Versprechen zu handeln. Sie erfahren, dass man nicht immer der/die Beste sein muss, sondern dass es vor allem wichtig ist, sein Bestes zu geben.

Draussen leben

Erlebnisse in der Natur bilden eine wichtige Grundlage, um die Zusammenhänge von Mensch und Umwelt zu erkennen. Die Natur kennen zu lernen, sie zu beobachten, Veränderungen wahrzunehmen und darin zu spielen, ist für das Bienli und für den Wolf wichtig. Kinder lernen so früh, sich Gedanken über ihr eigenes Tun und Handeln in der Natur zu machen. Dadurch lernen sie auch die Natur zu schätzen und zu schützen.
Die Lager, die oft die Höhepunkte des Pfadijahres bilden, bieten die Möglichkeit, die Natur hautnah zu erleben und das einfache Leben auszuprobieren.

Rituale und Traditionen

Die Rituale und Traditionen helfen den Kindern, sich in die Pfadi einzuleben und sie kennen zu lernen. Sie geben ihnen Halt und lassen sie das Zusammengehörigkeitsgefühl spüren. Mit Hilfe von Traditionen bekommt das Leben des Volkes/der Meute einen Rhythmus, den die Kinder mitleben können. Traditionen geben auch die Möglichkeit, die Eltern in das Volks-/Meutenleben einzubeziehen. Zu den stufenspezifischen Traditionen und Ritualen gehören: Rufe, Wimpel, Meutebuch, Volksbuch, Ratsfelsen, Lager, Taufe, Bienliname, Wolfsname, Elternabend u.v.m.

4. Beginn, Abschluss und Übertritt

Mit dem Eintritt in die 1. Stufe beginnt die Pfadizeit. Häufig kommen neue Kinder in die 1. Stufe, weil sie von Bienli/Wölfen zum Mitmachen motiviert werden. Wichtig in dieser Eintrittsphase ist, dass die Kinder rasch in die Gruppe integriert werden. Dies kann durch unterschiedliche Traditionen und Rituale unterstützt werden.
Den Abschluss der 1. Stufe bildet der Übertritt in die 2. Stufe. Dieser Übertritt soll so gestaltet werden, dass die Kinder bewusst erleben, dass ein neuer Abschnitt beginnt, der neue Anforderungen an sie stellt. Der Übertritt ist eine schwierige Zeit, da die ältesten Wölfe und Bienli nach dem Übertritt plötzlich wieder «die Kleinen» sind. Auf diesen Umstand muss die Leiterschaft die Kinder gut vorbereiten, um zu verhindern, dass falsche Erwartungen Frust auslösen. Der Übertritt soll von der 1. und der 2. Stufe gemeinsam vorbereitet werden.

5. Leiterinnen und Leiter

Für Leiterinnen und Leiter bildet die 1. Stufe eine grosse Herausforderung. Sie müssen das Vertrauen, das ihnen von den Kindern und den Eltern entgegen gebracht wird, ernst nehmen. In allem was sie tun, sind sie ein Vorbild für die Kinder. Die Leiterinnen und Leiter sollen Erlebnisse ermöglichen, die den Bewegungsdrang und der Neu-gierde der Kinder entsprechen und die grosse Vielfalt der Pfadiaktivitäten widerspiegeln. Erlebnisse, die das Gruppenerlebnis fördern und dabei Geborgenheit vermitteln, sind die Voraussetzung für die Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes. Das nötige Wissen bekommen die Leiterinnen und Leiter in den verschiedenen Ausbildungskursen, die auf lokaler, kantonaler und Bundesebene angeboten werden. Diese fundierte Ausbildung, die in Zusammenarbeit mit Jugend+Sport stattfindet, macht es möglich, die grosse Verantwortung zu übernehmen.

Bibliographie